4x100 m

Im Kollektiv gegen die Überflieger

Staffelsprinter Martin Keller, Alexander Kosenkow © Gladys Chai von der Laage Fotograf: Gladys Chai von der Laage
große Bildversion anzeigen Die Wechsel müssen klappen, wenn die deutsche Staffel das WM-Finale erreichen will.

"Consultant" gehört zu jenen neudeutschen Berufsbezeichnungen, die alles und nichts bedeuten können. Eine solche, etwas unklare Beraterstelle hat seit Anfang 2007 Frankie Fredericks beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) im Männersprint inne. Er sollte vor allem auf psychologischer Ebene Hilfestellungen leisten. Der namibische 200-m-Weltmeister von 1993 ist Teil des "ganzheitlichen Konzeptes" von Klaus Jakobs, dem Team-Manager der Sprinter. Seit seinem Dienstantritt Ende 2006 haben sich die DLV-Athleten vor allem in der Breite erstaunlich weiterentwickelt. Sechs blieben in dieser Saison über 100 Meter unter 10,30 Sekunden - so eine kollektive Präsenz hat die deutsche Leichtathletik seit etlichen Jahren nicht mehr gesehen. Jeweils drei Athleten waren in Berlin über 100 und 200 Meter am Start. "Das hat es bei einer WM noch nie gegeben", betont Jakobs, dem es bei seinem Konzept darum geht, abseits der täglichen Übungseinheiten die Leistungsreserven auszuschöpfen. In gemeinsamen Trainingslagern und bei zahlreichen Lehrgängen stehen neben dem Staffeltraining Vorträge über Athletik- und Koordinationstraining sowie Ernährung auf dem Plan. In die "hervorragende Arbeit, die in den Vereinen passiert", wolle sich Jakobs hingegen nicht einmischen.

Neues Selbstwertgefühl durch Fredericks

Sprinter Aleixo Platini Menga (li.), DLV-Staffel-Consultant Frankie Fredericks  © Philippka-Sportverlag • Frank Müller Fotograf: Philippka-Sportverlag • Frank Müller
große Bildversion anzeigen DLV-"Consultant" Frankie Fredericks (r.) bei der Trainingsarbeit mit Aleixo-Platini Menga.

Natürlich hängen die Trauben in den Einzelwettbewerben gegen Überflieger Bolt & Co. unerreichbar hoch, doch die eingespielte Staffel könnte gegen die oft selbstherrlich wirkenden Einzelkämpfer aus der Karibik und den USA überraschen - eine moderne Form von David gegen Goliath. "Das Finale ist das Minimalziel", verkündet Jakobs, der auch den 27 Jahre alten deutschen Rekord von 38,29 Sekunden im Auge hat. Bei der Generalprobe in Wattenscheid kamen Tobias Unger, Marius Broening, Alexander Kosenkow und Martin Keller dieser Marke in 38,40 Sekunden ziemlich nahe. Sowohl die Ansprüche als auch das Selbstwertgefühl der flinken DLV-Läufer, die bei Olympia 2008 Fünfte wurden, sind jüngst stark angestiegen - auch dank Fredericks.

Menga: "An meine Stärken glauben"

Aleixo-Platini Menga © dpa - Bildfunk
große Bildversion anzeigen Aleixo-Platini Menga beschäftigt sich nicht mehr mit seinen Gegnern.

Dieser betreute die Athleten in den Frühjahrstrainingslagern und bei vereinzelten Besuchen in den Heimvereinen. Neben psychologischen Tipps feilte Fredericks, der übrigens mit einer Berlinerin verheiratet ist, auch an individuellen Schwächen. Bei Stefan Schwab, in Berlin im Einzelrennen über 100 Meter vertreten, kümmerte er sich in der Vorbereitung intensiv um die Startphase. Aleixo-Platini Menga, WM-Viertelfinalist über 200 Meter, hat von Fredericks das Koordinationstraining übernommen und brauchte ansonsten vor allem mentale Hilfestellung. "Frankie hat mir immer wieder gesagt, dass ich an meine Stärken glauben muss und mich nicht mit den Gegnern beschäftigen darf", erzählt Menga, der nun nicht mehr wie früher die Meldelisten und Vorberichte studiert. Aus berufenem Munde entfalten offenbar auch Plattitüden ihre Wirkung.

Projekt mit Sporthochschule Köln geplant

Ex-Weltmeister Frankie Fredericks © AFP
große Bildversion anzeigen Als Aktiver wurde Fredericks 1993 Weltmeister über die 200 m in Stuttgart.

Eine weitere von Fredericks' Weisheiten ist, dass ein Sprinter sein Leben auf den Sport ausrichten muss. Wie fokussiert der ehemalige Weltklassesportler früher zu Werke gegangen ist, davon zeugen legendenhaft wirkende Anekdoten. So soll Fredericks mal zwei Tage vor einem wichtigen Wettkampf ein Billard-Duell ausgeschlagen haben, weil eine Niederlage seine positiven Energien hätte zerstören können. Dass die Zusammenarbeit mit dem WM-Botschafter nun nach knapp drei Jahren nicht verlängert wird, ließe keinen Rückschluss auf den Erfolg zu, betont Jakobs und fügt hinzu:  "Projekte sind nun mal zeitlich befristet. Es ist ja auch eine Frage der Finanzierung." Für die Zeit nach der WM plant der Team-Manager bereits das nächste dreijährige Projekt. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln sollen die biomechanischen Bewegungsabläufe und das Training optimiert werden. "Es wird noch etwas passieren in den nächsten Jahren", verspricht Jakobs.

Autorin/Autor: Benjamin Schütz, sportschau.de
Stand: 20.08.2009 09:05
Disziplinen
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