Interview

Seppelt: "Manipuliert, getrickst, betrogen"

ARD Doping-Experte Hajo Seppelt © ARD-Foto
große Bildversion anzeigen ARD Doping-Experte Hajo Seppelt blickt hinter die schillernde Leichtathletik-Fassade.

Wie sauber ist die Leichtathletik? Das Feature "Geheimsache Doping", Mittwochabend, 24.00 Uhr im Ersten, geht dieser Frage nach, liefert Antworten und zeigt, was sich hinter der schillernden Fassade der olympischen Kernsportart Nummer eins - und in der vermeintlich effektiven Dopingbekämpfung - wirklich abspielt. 

sportschau.de: Hajo Seppelt, ARD Dopingexperte, und Robert Kempe sind die Autoren des Films. Wo haben Sie gedreht und mit wem gesprochen? 

Seppelt: Wir haben mit Drahtziehern des Dopings wie dem Mexikaner Angel Heredia und dem österreichischen Sportmanager Stefan Matschiner gesprochen, die im Hintergrund dafür sorgen, dass an Top-Athleten aus aller Welt Dopingsubstanzen weitergegeben wurden, die Dealer waren, die aber auch gleichzeitig Athleten beraten, die Substanzen selber hergestellt und die zum Teil auch Analyse-Labore ausgenutzt haben. Mit einem sogenannten Pre-Testing haben sie - quasi wie früher in der DDR - versucht, vorab festzustellen, ob Athleten vor einem Wettkampf noch positiv sind oder nicht; sie haben alle Manipulationsmöglichkeiten, die es gibt, ganz geschickt ausgenutzt. 

sportschau.de: Das klingt wieder sehr abgründig. In der Vorankündigung zum Film ist von schmutzigem Geschäft und kriminellen Netzwerken die Rede. Was steckt dahinter? Geltungssucht? Geldgier? Oder die Lust, den Sport ad absurdum zu führen? 

Seppelt: Bei den Doping-Drahtziehern ist es - glaube ich - eher die Lust, Geld zu verdienen. Bei den meisten handelt es sich ja um Menschen, die sehr sportaffin sind. Die wollen nicht den Sport ad absurdum führen, sondern im Gegenteil: Sie wollen profitieren von den Möglichkeiten, die sich dort bieten. Es gibt viel Geld zu verdienen in dem Gewerbe. Da gibt es die Agenten, die Sponsoren, die Sportverbände, die Medien, die mitspielen, und es gibt eben solche Leute, die dafür sorgen, dass Top-Athleten auf der Welt, darunter auch ein deutscher Meisterläufer, zu besonderen Leistungen befähigt werden - durch Dopingeinsatz. 

sportschau.de: Was Sie im Film zeigen, kann ohne Wissen und Billigung der Athleten und ihrer Trainer kaum funktionieren. Öffentlich werden die aber stets das Gegenteil behaupten. Also nur notorische Lügner am Start? 

Seppelt: Ich glaube, dass die schillernde Welt der Leichtathletik nicht die Realität darstellt, sondern dass sich hinter den Kulissen so viele Dinge abspielen, die für "Otto Normalverbaucher" kaum erkennbar sind. Dieser Film wird offenlegen, wie manipuliert wird, wie getrickst wird, wie gedealt wird, wie betrogen wird, wie korrumpiert wird. Es gibt eine unglaubliche Doppelmoral und Heuchelei, nicht nur in der Leichtathletik, sondern auch in vielen anderen Sportarten, und es sind zahlreiche Leute am Start, von denen wir davon ausgehen müssen, dass sie nicht die Wahrheit sagen. 

sportschau.de: Das Publikum wird besänftigt mit dem Hinweis auf immer mehr Dopingkontrollen - wie jetzt in Berlin, wo rund 1.500 Kontrollen durchgeführt werden sollen, mithin rund 30 Prozent mehr als zuletzt in Osaka. Ihr Film kommt auch in dieser Hinsicht zu erstaunlichen Erkenntnissen...

Über 1.000 Dopingtests sollen angeblich bei der WM in Berlin durchgeführt werden. © AFP
große Bildversion anzeigen "Wettkampfkontrollen haben eigentlich keine große Aussagekraft", weiß ARD Doping-Experte Hajo Seppelt.

Seppelt: Dieser Film wird aufzeigen, dass Wettkampfkontrollen - wie sie heutzutage sowohl qualitativ als auch quantitativ gemacht werden, eigentlich keine große Aussagekraft haben, eigentlich sogar völlig wirkungslos in Teilen sind. Wir können zeigen, wie spielend kinderleicht diese Dopingkontrollen umgangen werden können, indem Athleten rechtzeitig eingestellt werden, sodass bei einer offiziellen Kontrolle nichts auffällt, wie Dopingsubstanzen im Untergrund hergestellt werden, die überhaupt nicht nachweisbar sind, wie Mittel verwandt werden, die durch Testverfahren gar nicht detektierbar sind. Insofern stellen Dopingkontrollen im Wettkampf aus meiner Sicht zum Großteil Propaganda dar und lenken davon ab, dass sie in Teilen eben wirkungslos sind. 

sportschau.de: Deutschlands Anti-Doping-Vorkämpfer Werner Franke bezeichnete kürzlich das Doping-Kontrollsystem als "von vorne bis hinten korrupt". Können Sie dem beipflichten? 

Seppelt: Ich weiß nicht, ob man "von vorne bis hinten korrupt" sagen kann, aber wir können im Film zeigen, dass auch Mitarbeiter von WADA-akkreditierten Kontroll-Laboren in Manipulationspraktiken involviert sein dürften. Vor der Kamera erklären Insider, wie sie ganz geschickt diese Mitarbeiter benutzt haben wollen, um Sportler quasi perfekt auf Doping einzustellen. 

sportschau.de: Mit Geref, Hematide und Aicar sind nur einige der Mittel genannt, die derzeit auf dem (Schwarz-)markt kursieren und wohl noch nicht nachweisbar sind. Welche Hinweise haben Sie zur Verbreitung dieser Drogen speziell in der Leichtathletik?  

Seppelt: Zu den drei genannten Drogen kann ich speziell nichts sagen, weil wir das in dem Film nicht untersucht haben. Was wir untersucht haben ist, dass solche Substanzen, vor allem Designer-Steroide oder auch verschiedene Varianten von Testosteron-Cremes, offensichtlich ohne große Probleme so herzustellen sind, dass der Athlet bei der Dopingkontrolle nicht auffällt.

Autorin/Autor: Andreas Schlebach, NDR
Stand: 12.08.2009 08:08
Weitere Informationen
Sportmanager Stefan Matschiner bei der Entlassung aus der U-Haft © picture-alliance/ dpa Fotograf: epa apa Roland Schlager

ARD-Sendung: Matschiner droht erneute Vernehmung

Die österreichische Justiz will den Sportmanager nun erneut vernehmen.[mehr]

Die Dopinggeschichte der Leichtathletik

Fünf Teamkollegen von Sprintstar Usain Bolt positiv auf ein verbotenes Stimulans getestet.[mehr]

Weitere Informationen
Ex-Sprinterin Ines Geipel © picture-alliance/dpa

Die Trainer und die Dopingopfer

Mit Pressekonferenz und Aufklärungsaktion für einen Sport ohne Gift.[mehr]

Weitere Informationen
WM-Splitter © dpa bildfunk Fotograf: Kay Nietfeld

WM-Splitter

Weitere aktuelle Kurzmeldungen.[mehr]

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW