Karsten Kobs ist nicht das, was Sportler eine "Sau" nennen. Das ist einerseits von Vorteil, weil dies Charaktereigenschaften wie Aufrichtigkeit, Fairness, vielleicht auch ein wenig Gutgäubigkeit verheißt. Andererseits ist es nachteilig, weil es auch bedeutet: So einer ist auf die Dauer kein Sieger. Kobs hat das Gegenteil bewiesen: Er war ein Sieger, wie er strahlender nicht sein konnte, damals im August 1999, an jenem heißen Sonntagabend, dem ersten Wettkampf-Wochenende der siebten Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Sevilla. Kobs ist der erste Werfer im Finale um 21.45 Uhr, er ist der Weltranglisten-Spitzenreiter mit seinen 82,78 Metern von der DLV-Gala am 26. Juni in Dortmund, bei seinem ersten Versuch fliegt der Hammer raus auf 80,24 Meter. Das war´s schon, Schluss, Aus, Ende, Gold! Unvergessen danach das Bild vom freudestrahlenden, glücktrunkenen Hünen, der im Wassergraben tanzend Abkühlung sucht.
"Nein", sagt Kobs heute, "den perfekten Wurf habe ich nie gehabt." Vielleicht gibt es dieses eingebildete Ideal auch gar nicht, bei keinem Werfer, bei niemandem, der das Glück in diesem einen einzigen Versuch seines Lebens zu finden hofft. 83,60 Meter hat er später im Training einmal geworfen, es habe sich "angefühlt wie eine Runde Einlaufen". Richtig ist aber auch: So sehr Siegertyp wie in Sevilla war Kobs danach nie mehr, allen Versuchen zum Trotz. Im Gegenteil: Öfter als Sieger über die Konkurrenz war Kobs Unterlegener im Kampf gegen die eigenen Nerven. "Da bin ich Mensch geblieben", resümiert der heute 37-Jährige, wenn er über sein Debakel bei den Olympischen Spielen von Sydney 2000 erzählt. Womit er meint: Versagen ist menschlich. Damals schied der Weltmeister des Vorjahres in der Qualifikation mit 72,29 Metern sang- und klanglos aus, Gold ging mit 80,02 Metern an den Polen Szymon Ziolkowski. Elf Tage nach dem verpassten Finale bei den Spielen wuchtete Kobs beim Grand-Prix-Finale in Doha sein Sportgerät auf 79,22 Meter, was mutmaßen lässt: Edelmetall bei Olympia wäre möglich gewesen. So aber blieb die Erkenntnis: "In Sydney habe ich richtig verkackt."
Das Image des netten, aber nervenschwachen Sportlers sollte Kobs zeit seiner Karriere begleiten, trotz acht deutscher Meistertitel, zwei Europacup-Siegen, EM-Bronze 1998 und Endkampf-Rang acht bei den Olympischen Spielen von Athen 2004. So haderte er mit den Umständen seiner Entlassung aus der Sportfördergruppe der Bundeswehr nach sechs Jahren Zugehörigkeit, als er mangelnde Aufrichtigkeit der Verbandsfunktionäre beklagte. So geriet auch sein überraschender Rücktritt vom Leistungssport unmittelbar nach dem Gewinn der Bronzemedaille bei den deutschen Meisterschaften 2008 in Nürnberg zu einer eher rührseligen Angelegenheit. "Das einzige, was ich je abgeschlossen habe, ist die Schule und die Karriere", witzelt Kobs heute über die offenbar schwierige Zeit im vergangenen Jahr, in der er Abschied nehmen musste von Liebgewonnenem. "Ich bin immer gern zum Training und zum Wettkampf gegangen", schildert Kobs, "ich wollte immer der Kämpfer sein. Aber es hat nicht mehr funktioniert. Zum Schluss habe ich mich dem Schicksal ergeben und das ist tödlich." Die Faszination und die "Leichtigkeit des Seins" bei gelungenen Würfen sei abhanden gekommen. Deshalb habe er eigentlich schon auf die letzte Meisterschaft verzichten wollen. "Dann bist Du ein A....", habe ein guter Freund ihm vorgehalten. "Und das", sagt Kobs, "bin ich nicht."
Am Montag nach den Titelkämpfen fing Kobs an zu arbeiten. Als Teilhaber an der Firma eines langjährigen Freundes kümmert er sich auf rund 1.000 Quadratmetern Lager- und Ausstellungsfläche in Essen um die Aufarbeitung und den Weiterverkauf gebrauchter Fitness- und Trainingsgeräte - einschließlich entsprechender Beratung von privater und gewerblicher Kundschaft. Insofern ist der ehemalige Hammer-Hüne mit einem "Kampfgewicht" von unverändert 120 Kilogramm seinem Sport immer noch verbunden. Und die WM im eigenen Lande? Klar habe er schon Karten für das Hammer-Finale. Der Ungar Krisztián Pars (Olympia-Vierter 2008, Winterwurf-Europacup-Sieger 2009, d. Red.) werde es wohl machen, tippt Kobs, für den das Leben nach der Leichtathletik mit all seinen Facetten erst richtig beginnt: Der Sohn seiner Partnerin, mit der er in Dortmund zusammenlebt, habe kürzlich einen "achtstündigen Kotzanfall" gehabt, berichtet der Ex-Weltmeister. "Da hat man richtig Probleme." Um solche Situationen zu meistern, bedarf es keines nervenstarken Siegertyps. Vielleicht ist es ganz gut, dass Kobs nicht das ist, was Sportler eine "Sau" nennen.
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